Ich habe gelernt, mich selbst abzuholen

Mit 13 Jahren fuhr ich gemeinsam mit vielen anderen Kindern zur Erholungskur auf die Insel Rügen. Vier Wochen später brachte uns der Reisebus zurück in unsere Heimatstadt.

Auf dem Parkplatz vor dem Bahnhofsgebäude standen viele Eltern. Sie winkten ihren Kindern freudig zu und suchten mit ihren Blicken den Bus ab.
Ich saß vorn und hielt in der wartenden Menschenmenge Ausschau nach meiner Mutter. Immer wieder. Doch ich konnte sie nirgends entdecken.

Alle werden abgeholt – nur ich nicht

Damals dachte ich noch: Sie kommt bestimmt gleich.
Also stieg ich mit meinem Rucksack aus dem Bus, nahm meinen Koffer entgegen und trat auf den Vorplatz des Busbahnhofs.

Nach und nach kamen weitere Eltern. Die große Gruppe vor dem Bus löste sich bald auf. Kinder wurden abgeholt, Arme schlossen sich, Stimmen lachten.
Am Ende stand ich allein da.

Keine Mutter weit und breit.
Weinend stieg die Angst in mir hoch.
Hat sie mich vergessen?

Warten, Tee – und ein Gefühl, das blieb

Eine Betreuerin brachte mich zur Bahnhofsmission direkt am angrenzenden Parkplatz. Die freundliche Frau gab mir einen heißen Tee und blieb bei mir. Wir warteten gemeinsam.

Irgendwann stand meine Mutter in der Tür.
Ein „Tut mir leid“ hörte ich nicht. An ihre Erklärung für das Zuspätkommen kann ich mich heute nur noch vage erinnern. Mein Unterbewusstsein hat es gespeichert.

Alles wieder gut?
Die Mutter ist wieder da?Nein.

Wenn etwas im Kinderherz zerbricht

An diesem Tag ist etwas in meinem kleinen Kinderherz zerbrochen.

Viele Jahre später erkannte ich: Das war ein Trauma. Und es war nicht das einzige, das mir zugefügt wurde.

Ich nahm mich selbst als ein Kind wahr, das es nicht verdiente, geliebt zu werden. Als jemand, der nicht wertvoll genug war. Nichts von dem, was ich tat, schien je auszureichen. Also versuchte ich ständig, besser zu werden, mich immer wieder anzustrengen – in der Hoffnung, endlich richtig zu sein.

Der Versuch, richtig zu sein

Ich begann, mich zu verstecken. Ich nahm mich zurück oder stellte etwas dar, das ich gar nicht war. In meiner Jugend hatte sich das Gefühl der Wertlosigkeit tief in mir verankert. Nicht geliebt zu sein, war meine innere Überzeugung.
So bin ich, dachte ich, und daran lässt sich nichts ändern. Ich wusste nicht, wie ich richtig sein sollte.

Ein Wendepunkt nach vielen Jahren

Bis zu dem Tag, an dem sich etwas veränderte.

Nach über 30 Jahren diagnostizierte meine Ärztin eine Immunerkrankung. Und plötzlich wurde mir klar: So kann und soll mein Leben nicht weitergehen.
Ich wusste noch nicht, wie – aber ich wusste, dass ich etwas ändern wollte. Für mein Leben. Für mich.

Mein Weg der Heilung

Durch die Unterstützung einer Freundin kam ich in Kontakt mit einem Therapeuten. Mein Weg zur Heilung begann. Damals wusste ich nicht, wie lange es dauern würde. Heute weiß ich: Dieser Weg hat sich gelohnt. Und ich gehe ihn weiter.

Ich stelle mich meinen Gefühlen – den angenehmen wie den unangenehmen sowie meinen Konflikten, meinen Problemen und meinen Verletzungen aus der Kindheit.
Früher fragte ich mich oft: Warum hört das nicht auf? Wieso passiert das ausgerechnet mir?

Verstehen, statt funktionieren

Heute weiß ich: Es musste so kommen. Der Körper macht sichtbar, wie es der Seele geht.

Ich funktionierte gut im Alltag. Doch innerlich fehlte mir die Verbindung zu mir selbst – zu meinem Körper und zu meiner Seele. Erst als ich begann, mich wirklich zu verstehen, konnte ich spüren, was ich brauche, damit es mir gut geht.

Mitgefühl statt Selbstverurteilung

Aus Unsicherheit ist ein Bewusstsein für mich selbst entstanden. Ich begegne mir heute mit Mitgefühl. Freude und Leichtigkeit haben ihren Platz in meinem Alltag gefunden.

Ich bin dankbar für diesen oft steinigen Weg, der von Angst, Traurigkeit, Scham und Schuld begleitet war. Das ständige Funktionieren, das Geliebt-werden-wollen – das ist vorbei.

Die Veränderung liegt in uns

Vermeintlich immer wieder in Mustern festzustecken oder nicht voran zu kommen mit dem, was man sich so sehr wünscht und doch zu spüren, wie stark die Sehnsucht nach Wandel deutlich wird.

Diese Veränderung steckt in uns allen. Manchmal ist sie nur sehr tief vergraben.

Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest, dann nimm sie als Einladung.

Einladung, dir selbst mit mehr Aufmerksamkeit und Mitgefühl zu begegnen und deine Gefühle ernst zu nehmen – auch die leisen, unbequemen. Alte Muster lassen sich verändern. Schritt für Schritt. Nicht allein, sondern begleitet in einem sicheren Rahmen.
Wenn du spürst, dass es Zeit ist, dich selbst wieder abzuholen, begleite ich dich gern auf diesem Weg.

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